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Videodrome (1983)

: James Woods, Deborah Harry, Lynne Gorman, Sonja Smits, Jack Creley, Peter Dvorsky
: David Cronenberg
: David Cronenberg
: 88 Minuten (Unrated)
: 18
: 30.11.2012 (österreichische Unrated-Bluray)
: Koch Media
: Kanada
Unsere Wertung
8.0
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4 votes
8.8

Videodrome (1983)

vlcsnap-2013-07-21-01h19m55s28Was passiert, wenn Fernsehen Realität wird, wenn einem ein Film das Hirn zerfrisst? Diese Frage versuchte im Jahre 1983 der Macher von Genre-Legenden wie The Fly, Naked Lunch oder Scanners, der Kanadier David Cronenberg, zu beantworten. Man merkt, dieser hatte schon immer Gefallen daran gefunden, den Verfall von vermeintlich normalen Typen zu visualisieren und absurde Geschichten zu thematisieren. Wie so oft schreib Cronenberg hier auch gleich noch das Drehbuch selbst, im Groben geht es ganz wie im Klassiker 8mm um sogenannte Snuff-Movies – Filme aus dem tiefsten Untergrund, in denen täuschend echt Menschen bestialisch gefoltert und schließlich getötet werden, mit der Ausnahme, dass es sich tatsächlich um echte Szenen handeln kann. In unserer Realität wurde die Existenz derartiger Werke nie offiziell bewiesen, jedoch entdeckt man heute auf einschlägigen Seiten oder im sogenannten Darkweb immer wieder Clips von den Hinrichtungen von Soldaten oder Deserteuren.

Im vorliegenden Fall dreht sich nun alles um den abgehalfterten, skruppellosen Boss des kanadischen Privatsenders Civic-TV namens Max Renn (James Woods). Dieser ist immer wieder auf der Suche nach aufregendem Material für seine Kunden, ob japanische SM-Pornos, ultrabrutale Actionstreifen oder blutiger Horror, für nichts ist sich der Manipulationsmeister zu schade. Da kommt es ihm gerade recht, als sein Assisten Harlan (Peter Dvorsky) das Signal des Piratensenders Videodrome abfängt und seinem Chef das präsentiert, wonach dieser scheinbar sein ganzes Leben lang gesucht hat.

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Videodrome zeigt in verrauschten, schlecht kolorierten Bildern, wie zwei maskierte Männer in einer Art Höhle eine nackte Frau immer brutaler quälen und sie schließlich in die ewigen Jagdgründe schicken. Fasziniert von diesen Szenen ist Max sofort Feuer und Flamme für das Format und möchte es gleich als neuen Knaller in sein Programm einfügen. Im Zuge seiner Recherchen offenbart ihm jedoch seine Kollegin und Freundin Masha (Lynne Gorman), dass sie den Sender genau kennt und warnt ihn vor dem Genuss dieses Programmes. Ähnlich ergeht es ihm mit der geheimnisvollen Bianca O’Blivion (Sonja Smits), deren Vater Brian (Jack Creley) Videdrome erschuf, welche ihn davor warnt, dass das wiederholte Ansehen der Szenen einen Tumor im Hirn des Konsumenten wachsen lässt, was grauenvolle Halluzinationen hervorrufen kann.

Doch da ist es bereits zu spät, Max beginnt sich zu verändern. Nach einer heißen Liebesnacht mit der scharfen Psychologin Niki (Deborah Harry, Sängerin der New Wave-Band Blondie), die mit ihrem verführerischen Blick und einem kurzen Rock Max’ Saft zum Kochen gebracht hatte, wird der sonst so gefestigte Mann auf einmal geplagt von Wahnvorstellungen, irren Flashbacks und Horrorbildern, es ist zum Ende hin immer schwerer zu erkennen, was nun Realität und was Fiktion ist. Sein Umfeld scheint sich gegen Max zu verschwören und schließlich findet er heraus, dass Videodrome mehr als real ist und als eine Art Waffe missbraucht wird, indem beim Ansehen des Programms durch besondere Funkwellen das Gehirn des Zuschauers angezapft wird …

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Zum ersten Mal bewies der damals erst 36-jährige James Woods hier, dass er zu mehr imstande ist, als in Serienrollen sein Talent zu verschwenden. Eindrucksvoll und vereinnahmend verkörpert er hier einen Mann, der schon vor dem Genuss eines mysteriösen TV-Kanals krank war, wahnsinnig, nicht “normal”. Spürt Max Schmerz, spürt ihn auch Woods, spricht Max, dann spricht auch Woods. Einen Mann, der in einer Welt lebt oder zu leben glaubt, die ein Abziehbild der unseren sein könnte. Die Lust nach immer Härterem, Extremerem, fiktionale, mit der Realität verschmelzende Alpträume. Ohne zu wissen, warum eigentlich. Geschickt zeigt Regisseur Cronenberg hier auf, dass es möglich ist, dass mehrere “Realitäten” existieren, dass unser Gehirn imstande ist, aufgrund seines Bedürfnisses nach Ausgleich und etwas Greifbarem, nur die eine Wahrheit zu erkennen. Es soll gezeigt werden, dass der Wahnsinn nicht das Ende der eigenen Welt bedeutet, dass der Wahnsinn auch ein Sprungbrett in eine Alternative, einen Ausweg sein kann, in einen der eigentlichen Existenz übergeordneten Zustand.

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Mit einem Budget von vergleichsweise geringen 6 Millionen Kanadischen Dollar war es trotz allem möglich, sehr fähige Akteure zu verpflichten und auch den Oscar-Preisträger Rick Baker für die Maske zu gewinnen. Für ein Werk aus den frühen 80ern können sich die Effekte auf jeden Fall sehen lassen. Ob jetzt eine fotzenartige Öffnung, die sich in Max’ Bauch auftut oder Gedärme, die aus einem Fernseher flutschen, man hat nie das Gefühl, als wären lustlose Amateure oder B-Movie-Spezialisten am Werk gewesen. An den Kinokassen floppte der Film jedoch leider gnadenlos und konnte nur knapp 2 Mio. US-Dollar einspielen. Hierzulande kam man ab 1985 dazu, die VHS zu erstehen, selbige war jedoch bereits schon zur R-Rated-Version zurecht gekürzt worden. So fehlten ein paar Minuten der Sexszene von Max und Niki, sowie einige brutale Elemente im weiteren Verlauf. Ein besonderer Dorn im Auge waren hier den prüfenden Behörden ein Dildo (…) sowie das Durchstechen von Niki’s Ohren durch ihren Liebhaber.

Im Jahre 2010 wurde die Folgeindizierung des Werks eingeleitet, was aber nicht bedeutet, dass man in Deutschland nicht doch an die Unrated-Version kommen kann. Denn die fähigen Leute von Koch Media ließen sich nicht lumpen und releasten im November letzten Jahres ein österreichisches Bluray-Mediabook, das sowohl die Kino- als auch die um knapp 1 Minute längere Unrated-Version enthält. Genießen lassen sich auf beiden Discs der O-Ton und auch eine deutsche Tonspur.

Videodrome (1983), 8.8 out of 10 based on 4 ratings

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Geschrieben von Autor | Classic - Reviews, Reviews (Filme)

1 Kommentar

  1. Filmsüchtiger
    08 Mai 2014, 1:14 pm

    In meinen Augen ist Videodrome einer der besten Filme aller Zeiten. Unglaublich, wie doppelbödig Cronenbergs Inszenierung ausfällt und wie geschickt die Narration funktioniert. Die dichte Atmosphäre und die philosophischen Aspekte des Films fesseln von der ersten bis zur letzten Minute, die Allgemeingültigkeit lädt zum mehrmaligen Sehen ein.

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