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Irréversible (2002)

: Vincent Cassel, Monica Bellucci, Albert Dupontel, Philippe Nahon, Jean-Louis Costes
: Gaspar Noé
: Gaspar Noé
: ca. 94 Minuten (ohne Abspann)
: 18
: 5. Juli 2004 (Kino Kontrovers #2)
: Legend Films/Universum Film
: Frankreich
Unsere Wertung
9.0
VN:F [1.9.22_1171]
User Score:
11 votes
6.5

Irréversible (2002)

zzDer Term “Irréversible” bezeichnet im Französischen einen Zustand in der Medizin, der nicht wieder umgekehrt werden kann. Sei es das Alter oder eine nicht mehr mit medizinischen Mitteln zu behebende Beeinträchtigung des allgemeinen Gesundheitszustandes. Im 2002 vom französisch-algerischen Ausnahme-Regisseur Gaspar Noé vorgelegten Machwerk dreht sich alles um den Zustand mehrerer Personen, der letztendlich beeinflusst wurde von deren Worten, Taten und einigen bösen Zufällen. Ein Zustand, der jeweils nicht mehr umgekehrt werden kann. Sie alle sind Teil einer Geschichte, die bestimmt ist vom sogenannten Schneeballeffekt, der dafür verantwortlich ist, dass kleine, manchmal schier banale Effekte sich gegenseitig mittels einer Kettenreaktion selbst verstärken.

Nach dem Abspann (!), der von unten nach oben läuft, beginnt der eigentliche Film. Jedoch typisch für den Macher, nicht auf herkömmliche Art und Weise. Nein, in komplett umgekehrter Chronologie! Zwei Männer sitzen sich auf einem Bett gegenüber, möglicherweise in einer heruntergekommenen Pension, und unterhalten sich. Einer der Beiden (Philippe Nahon) entpuppt sich rasch als der namenlose Schlachter aus Menschenfeind, welcher hier als Philippe aufgeführt ist – dies legt nahe, dass dieser nach dem Horrortrip mit seiner Tochter wieder im Gefängnis gelandet war. Wie sie folgerichtig feststellen, gibt es keine Untaten, sondern nur Taten und die Zeit, ja, die Zeit zerstört alles.

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Dies hat auch bereits das sehr ungleiche Paar in der nächsten Einstellung erfahren müssen. Der extrovertierte, aufbrausende Marcus (Vincent Cassel) und der schüchterne, biedere Pierre (Albert Dupontel) befinden sich gegenüber des Hauses vor dem Schwulenclub Rectum, Blaulicht von Streifen- und Krankenwagen werfen nervös ihr Licht in die Häuserschluchten, Fotoapparate blitzen und aus dem Inneren dröhnt ein dumpfer Bass. Pierre hat soeben dem vermeintlichen Vergewaltiger seiner Ex-Freundin Alex (Monica Bellucci) mit einem Feuerlöscher den Schädel zu Brei geschlagen, während Marcus (ihr Freund) machtlos zusah, fasziniert von der Brutalität seines Gegenübers. Währendessen stand der wahre Täter abseits des Geschehens und beobachtete amüsiert die ganze Szenerie.

Die atemberaubend schöne Alex war etwa in der Mitte des Films Opfer des bereits genannten Schneeballsystems geworden, zusammen mit ihren beiden Begleitern. Dies führte dazu, dass sie sich allein von der Party, zu der alle 3 eingeladen waren, entfernte und eine Abkürzung durch eine Unterführung nahm. Hier lauerte ihr ein wütender, abgefuckter Pimp auf, der ihr in einer mehrere Minuten andauernden, aus der Totalen aufgenommenen Szene erst das Seidenkleid zerriss und sie anschließend vergewaltigte und ins Koma prügelte …
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Geschickt spannt der Mann, der berühmt-berüchtigt ist für Beiträge wie Enter the Void, Menschenfeind oder seinen Beitrag We Fuck Alone zum Sex-Kurzfilm-Sammelsurium Destricted, den Spannungsbogen über das komplette, eiskalte Werk. Noch mehr als bei einem Film mit konventioneller Darbietung ist der Zuschauer während seiner unheilvollen Reise in den Abgrund gefordert, zu kombinieren, wie die jeweils vorherigen Ereignisse zum letztendlichen Endergebnis führen konnten. Noch viel eher ist man gespannt auf die Ideen, die Noé noch parat hat, wenn man glaubt, nach der Hälfte bereits alles gesehen zu haben, nach einer guten Dreiviertelstunde. Es ist, als hätte man versucht, die Leere, die man am Ende angesichts des Gesehenen und eines harten Twists verspürt, von Beginn an durch das Aufdröseln der unwiderruflichen Zustände genau damit zu stopfen.

In diesem schonungslos brutalen und verstörenden Machwerk mutiert ein grandios agierender Vincent Cassel (der im echten Leben bereits seit 1999 mit seiner Kollegin verheiratet ist) vom kindlich-naiven Superstecher Marcus zum eiskalten, verzweifelten Rächer, während Albert Dupontel in der Rolle des langweiligen Pierre zwar überzeugt und auch überrascht, jedoch trotzdem schon kurz nach seinen ersten Minuten auf dem Schirm immer unerträglicher wird. Alex war eine weitere Chance für Monica Bellucci, zu beweisen, dass sie neben dem Präsentieren ihres gottgleichen Körpers in diversen Schnulzen auch ernstere Rollen glaubhaft verkörpern kann.

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Die bereits erwähnte Vergewaltigungsszene ist übrigens sogar auf der hierzulande als Teil der Kino Kontrovers-Reihe erschienenen DVD enthalten, allgemein kam Irréversible wundersamer Weise komplett ohne Schnitte durch die FSK-Prüfung! Bei der Aufführung im Rahmen der Filmfestspiele von Cannes führte jene Vergewaltigung allerdings dazu, dass Unmengen von Leuten vorzeitig die Präsentation verließen und dem Streifen dadurch den inoffiziellen Titel der “meisten, während einer Filmpräsentation geflohenen Zuschauer” verliehen.

Irréversible (2002), 6.5 out of 10 based on 11 ratings

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Geschrieben von Autor | Reviews (Filme)

2 Kommentare

  1. Colemarie
    18 Aug 2013, 2:47 pm

    Durch die teilweise gewöhnungsbedürftige Kameraführung empfand ich diesen Film als recht anstrengend und würde ihn auch nicht weiter empfehlen.
    Interessant ist, dass die Story rückwärts erzählt wird, machts jedoch nicht so spannend, zumindest nicht für mich. Verstörend empfand ich den Inhalt auch nicht, da gibts schlimmere, eher die Kameraführung wie gesagt….
    Wems gefällt, aber 9 als Wertung finde ich doch sehr hochgegriffen.

  2. Filmsüchtiger
    08 Mai 2014, 12:50 pm

    Irreversibel ist der Wahnsinn. Hinter der zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftigen Kameraführung und den drastischen Gewaltszenen offenbart sich ein hochgradig intelligentes Werk, in dem die chronologisch rückwärts laufende Narration absolut keinen Selbstzweck darstellt. Die hohe Wertung ist auf jeden Fall verdient.

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