Samantha Richter
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Interview mit “Toxic Lullaby-Star” Samantha Richter

HP: Samantha, Du kannst auf eine langjährige Karriere als Theaterschauspielerin, Sängerin und Sprecherin zurückblicken.

Wie kamst Du zum Horrorfilm?

SR: Zum Horrorfilm kam ich wie Maria zum Kinde.
Durch einen Freund hörte ich von Ralf Kempers Casting. Da ich daran nicht teilnehmen konnte, schickte ich ihm meine Unterlagen, woraufhin er mir das Drehbuch und einen Kennenlern-Termin mailte.
Beim Gespräch dann wurde ich gefragt, ob ich mir vorstellen könne, die Rolle der Eloise zu übernehmen. Das hat mich fast vom Stuhl gehauen, gleich die Hauptrolle angeboten zu bekommen, hätte ich mir nie erträumt.
Gerne nahm ich die Herausforderung an.

HP: In TOXIC LULLABY verkörperst Du “Eloise”, die sich unvermutet in einem Endzeitszenario wiederfindet und sich sowohl gegen Mutanten und das Militär verteidigen muss, um zu überleben.

Wie hast Du Dich auf Deine Rolle vorbereitet?

SR: Einerseits hatten wir mit unserem Stunt- und Choreographenteam Training, um fit zu werden, aber auch um die vielen Kämpfe zu entwickeln und zu proben. Das ist enorm wichtig. Alle Schauspieler müssen beim Dreh ein sicheres Gefühl haben und wissen, mit wem man wann, wo und wie genau kämpft. Sonst kann es zu schlimmen Verletzungen und Unfällen kommen, die keiner möchte.
Andererseits war meine Vorarbeit, mir darüber klar zu sein, wann sich Eloise wo befindet, und zwar mental, denn es wurde wie bei den meisten Filmen nicht chronologisch gedreht. Der Rest der Arbeit bestand dann darin, sich von Drehtag zu Drehtag voll auf den Moment einzulassen und der darzustellenden Figur sowohl körperlich, als auch emotional Raum zu geben, um sich zu entfalten.


(Am Set von TOXIC LULLABY) Foto: Stephan Haberzettl

HP: TOXIC LULLABY wurde auf dem N.Y.I.F.F. (New York International Film Festival) als bester internationaler Horrorfilm 2010 prämiert, was für eine deutschsprachige Produktion mit vergleichsweise geringem Budget bemerkenswert ist.

Wie erklärst Du Dir diesen Erfolg?

SR: An diesem Projekt waren tolle Menschen beteiligt, die so viel Herzblut in diesen Film gesteckt haben, dass sie auch nach Ende der Dreharbeiten sehr aktiv waren, um das Werk sichtbar zu machen. Und ihr Engagement wurde mehr als belohnt. Die Mitteilung über den Award war eine Riesenfreude.

HP: Glaubst Du, dass der internationale Erfolg von TOXIC LULLABY dazu beitragen könnte, deutschsprachigen Genreproduktionen zu einer größeren Aufmerksamkeit bei Presse und Publikum zu verhelfen?

SR: Puh, schwierig einzuschätzen.
Also wenn ich so verfolge, was mit Toxic Lullaby „passiert“, scheint mir sehr, sehr Vieles möglich, wenn erst mal der erste so schwere Stein ins Rollen gekommen ist.
Am Anfang musste man die Webadresse genau wissen, um auf die Filmhomepage zu gelangen. Gibt man heute bei Google „Toxic Lullaby“ ein, kommen da seitenweise Suchergebnisse mit Trailer, Fotos, Rezensionen und Rankings, auf denen T.L. weit oben glänzt. Man kann die DVD im Müller bis hin zu Amazon kaufen. Es braucht eben Menschen, die daran glauben und dafür kämpfen.

HP: Du wurdest 2003 mit “Martha”, dem Ensemblepreis des internationalen Schauspielschultreffens Brno/CZ, ausgezeichnet.

Was ist das für ein Preis und wofür wird er verliehen?

SR: Nicht ich, sondern mein ganzer Schauspielschuljahrgang wurde mit diesem tollen Preis ausgezeichnet. Und das kam so: Jedes Jahr findet in einer Stadt ein internationales Schauspielschultreffen statt, bei dem ausgewählte, staatliche Schauspielschulen und -Unis teilnehmen dürfen. Schon allein diese Einladung bedeutete meinem Jahrgang viel.
In einer Woche Festival bekam man mehrfach täglich die Möglichkeit, werdenden Schauspielern aus aller Herren Länder zuzusehen. Das war unsagbar toll, denn wir durften sehen und fühlen, wie unterschiedlich sich Kultur, Religion, Sorgen, Probleme und auch der Humor des jeweiligen Landes auf die Bühnenkunst auswirken.
Das Stück, welches mein Jahrgang spielte, wurde von der Jury als beste Ensembleleistung aller teilnehmenden Gruppen ausgezeichnet. Das war für uns das Sahnehäubchen, denn unser Schauspieljahrgang war zu Beginn des Studiums so ein zusammengewürfelter Haufen von Menschen, die unterschiedlicher nicht hätten sein können.
Durch die intensive Zusammenarbeit wurden wir trotz unserer Eigenheiten so sehr eine Einheit, also ein „Ensemble“, welches nichts mehr liebte, als zusammen eine Geschichte zu erzählen. Dass dies nicht nur für uns fühlbar, sondern auch noch für die Außenwelt sichtbar wurde, war eines der tollsten Erlebnisse meines Lebens.


(Samantha Richter als Frosine in DER GEIZIGE) Foto: Karl Forster

HP: Worin liegt für Dich der Unterschied in Deiner Arbeit im Film und am Theater?

SR: Uiii, das sind so viele Dinge. Und da ich keinen Roman schreiben soll … Also, der für mich größte Unterschied liegt darin, dass man für ein Theaterstück 6-8 Wochen hat, in denen das Ensemble jeden Tag viele Stunden probt, bis es dann zur Premiere kommt.
Das heißt auch, dass ich meine Figur, die ich verkörpere, bis zum Premierenabend durch und durch kenne und erforscht habe. Ich weiß wie sie geht, steht, lacht, isst, spricht, welche Sorgen sie hat, welche Probleme und ihren Umgang damit, welchen Antrieb, welche Art mit anderen Menschen umzugehen und so weiter.
Diese „Vorarbeit“ gibt es beim Film/TV im Grunde nicht, bzw. auf ganz andere Art. Es gibt meist keine bis wenig Proben. Man muss sich als Schauspieler alleine auf die Figur vorbereiten. Da geht es dann mehr um Textarbeit und Fragen, die man sich zur Rolle stellt. Oft lernt man die Figur so richtig erst während des Drehs kennen.
Natürlich kann es dann auch passieren, dass man mit der Vorstellung seiner Rolle ans Set kommt und der Regisseur, den man noch nicht kennt, etwas komplett Anderes haben möchte. Dann ist die Fähigkeit wichtig, sich schnell von dem bislang Gedachten zu trennen und schnellstmöglich das umzusetzen, was gewünscht ist. Und das muss trotzdem so glaubhaft rüberkommen, als hätte man sich lange damit auseinandergesetzt.
Die Spielweise vor der Kamera ist auch eine ganz andere. Beim Theater ist es wichtig, sowohl die Stimme, als auch die Emotion bis in die letzte Reihe zu transportieren. Beim Film dagegen ist es ganz wichtig, der Kamera zu vertrauen, denn die sieht auch die kleinste, feinste Regung. Ebenso verhält es sich hier mit der Stimme, der Körperlichkeit, eben mit der ganzen Spielweise an sich.

HP: Gibt es eine Person, die Dich inspiriert oder die Du als Vorbild bezeichnen würdest?

SR: Vorbilder hatte und habe ich eigentlich nicht, denn jeder Mensch ist so anders und mir ist es wichtig, nicht eine Kopie eines anderen zu sein, nur weil ich denjenigen toll finde. Die Kopie ist immer schlechter als das Original und das fände ich sehr schade und traurig.
Nein, mir geht es darum, zu schauen, wo man selbst gestartet ist, wo man jetzt steht und wie man wo hin möchte. Den eigenen Antrieb kennen zu lernen, sich kennen zu lernen und einen Umgang mit seinen Fähigkeiten aber auch Schwächen zu finden, das finde ich wichtig.
Ganz nach Exupéry: “Geh’ Wege, die noch niemand ging, damit du Spuren hinterlässt.”


(Am Set von TOXIC LULLABY) Foto: Stephan Haberzettl

HP: Was unterscheidet aus Deiner Sicht die Arbeit an einem Kurzfilm und einer Kinoproduktion?

SR: In einem Langspielfilm hat man viel „länger“ die Möglichkeit, seine Figur zu etablieren, viel mehr Fläche, sie in all ihren menschlichen Zügen und Eigenschaften zu zeigen und einen dramaturgischen Bogen zu spannen. In einem Kurzfilm ist dies zusammengeraffter, das heißt die Herausforderung ist, all dies in viel begrenzterer Zeit zu schaffen, sowohl von den Drehtagen, als auch von der Spieldauer. Da sind wir dann wieder bei der extrem wichtigen Vorbereitung, die der Schauspieler leisten sollte.

HP: Welches Buch hast Du zuletzt gelesen oder liest Du gerade?

SR: Es gibt ein Buch welches mich schon lange begleitet. Immer wieder lese ich es, denn es ist so voll von Wahrheit, Menschlichkeit, wichtigen Fragen, Träumen und auch Bitterkeit und wird mir über die Jahre immer noch wertvoller. „Der kleine Prinz“ (Karl Rauch-Verlag) von Antoine de Saint-Exupéry.
Ein so wundervoller Autor! Wie er das Wesen „Mensch“ begriffen und durchschaut hat, ohne den Zeigefinger zu erheben, und in Worte gefasst den Menschen einen Spiegel vorhält.
Das Thema, wie Menschen miteinander umgehen, beschäftigt mich sehr, und das Denken und Handeln der „großen Menschen“ (Erwachsene) und deren „Werte“. Was macht er, wie viel verdient er, höher, schneller, weiter. Diese Dinge stimmen mich oft sehr traurig, denn das hat so wenig mit dem Menschen zu tun, der vor mir steht.

HP: Auf welchen Film freust Du Dich 2011 ganz besonders?

SR: Da ich im Februar bei der Berlinale gearbeitet habe, durfte ich viele Filme erleben, die noch keine Premiere gefeiert haben. Deshalb kann ich ganz klar meinen Favoriten nennen, auf den man sich so was von freuen darf und den ich hiermit ausdrücklich empfehle, unbedingt zu schauen!
Er heißt „Life in a Day“. Eine grandiose Idee!
Ein Youtubeaufruf wurde gestartet, bei dem alle Menschen weltweit, die mitmachen wollten, an einem bestimmten Tag (24.7.2010) ihren Alltag filmen und anschließend einreichen sollten. Die Produzenten schnitten aus allen Einsendungen (aus 197 Ländern schickten Menschen 80.000 Beiträge!) insgesamt ein Werk zusammen, das einen erstaunen, lachen und weinen lässt.
Noch nie habe ich in 90 Minuten so viel Einblick in andere Kulturen, Lebenskonzepte, Länder und Familien bekommen. Und dies nicht fiktional, sondern aus dem wahren Leben gegriffen. Umwerfend!

HP: Was werden Deine nächsten Projekte sein?

SR: So genau kann ich das noch nicht sagen, in meinem Beruf spricht man nicht über „ungelegte Eier“. Aber sicher ist, dass ich als freischaffende Schauspielerin unbedingt in all den tollen Sparten, die es gibt (Bühne, Film/TV, Hörspiel, Werbung, Lesung, Gesang…), tätig sein möchte. Auch an ein Drehbuch möchte ich mich wagen, welches mir bislang nur im Kopf herum spukt.
Aber mein Herzenswunsch ist es, auf spielerische Weise mit Kindern, Jugendlichen, alten und kranken Menschen zu arbeiten und wieder etwas zu erwecken, was meiner Ansicht über die Jahre immer mehr verarmt: Kommunikation, Austausch, Respekt und Verständnis füreinander.

HP: Mit wem würdest Du gerne mal zusammenarbeiten?

SR: Es gibt natürlich Regisseure, mit denen ich mir wünsche zusammenarbeiten zu dürfen und auch jede Menge talentierter Schauspielerfreunde.
Generell wünsche ich mir am meisten, mit MENSCHEN zu arbeiten. Leute mit viel Liebe, Leidenschaft, Träumen und Tatendrang.

HP: Was ist Deine Horror-Lieblingsfigur?

SR: Da ich überhaupt nie Horrorfilme gesehen oder Horrorgeschichten gelesen habe, kann ich leider keine Antwort auf diese Frage geben. Meine Freunde und Familie haben sehr gelacht, als ich ihnen sagte, ich sei die Hauptdarstellerin eines Horrorfilms.
Würde ich in diesem Genre umtriebiger sein, befürchte ich, nie wieder schlafen zu können.


HP: Vielen Dank für das Interview.

SR: Sehr gerne. Danke ebenfalls.

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Geschrieben von Autor | Interviews

1 Kommentar

  1. Thomas Habeth
    09 Feb 2012, 3:58 pm

    Hallo, finde Frau Richter wirklich richtig Gut ,Im Toxic Lulluaby. Ich mag Horrorfilme. Aber der ist Sehr Gut. Er kommt gut rüber . Mann weiss , nicht,was als nächstes Passiert. Die Spannung spielt auch eine grosse Rolle. Besonders nach dem Ein altes Gesicht auftaucht. Nach dem Sie im ,ganz oben war Bei dem Vater mit Tochter;
    Viele Grüsse Thomas

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