Interview mit Jonathan Auf Der Heide
Wem das Audio-Kommentar der VAN DIEMEN’S LAND – DVD nicht genug war, bekommt in unserem Exklusiv-Interview mit Jonathan Auf Der Heide weitere Einblicke in das Regiedebüt des jungen Australiers und einen wahren Fall von Kannibalismus.
Zu viel Text? Als Anreiz verlosen wir zwei DVDs von VAN DIEMEN’S LAND.
Was ihr dafür tun müsst, erfahrt ihr ganz unten.
Mick: Da sich unsere Seite “horrorpilot.com” nennt, die sich natürlich vor allem mit Horror befasst, ist meine erste Frage: Hältst Du VAN DIEMEN’S LAND für einen Horrorfilm?
Jonathan Auf Der Heide: Nicht wirklich…VAN DIEMEN’S LAND basiert auf der wahren Geschichte von Alexander Pearce und den dokumentierten Ereignissen, die sich während seiner Flucht 1822 zutrugen. Wir folgten diesen Ereignissen, die er in seinen Geständnissen beschreibt, so nahe wie möglich. Es ist ein Film über das Überleben in einer menschenfeindlichen Landschaft, wo sich Mord und Kannibalismus ereigneten. Allerdings ist die Geschichte beängstigend, weil wir wissen, dass sie wirklich passierte. Doch obwohl Elemente eines Genre-Films enthalten sind, würde ich es nicht Horrorfilm nennen. Ich versuchte etwas zu erschaffen dass nachdenklicher und existentieller ist. Durch die Werke von Terrence Malick und Werner Herzog inspiriert, wollte ich mich in die Erforschung von Mensch gegen Natur und Mensch gegen seine eigene Natur vertiefen. Doch natürlich enthält der Film Gewalt und Kannibalismus und deswegen kann ich verstehen, dass man ihn manchmal dem Horror-Genre zuordnet.
Mick: Wie hast du entschieden einen Film über Kannibalismus zu machen?
Jonathan: Ich glaube, ich dachte gar nicht daran einen Kannibalen-Film zu erschaffen. Wenn man eine Weile an der Geschichte arbeitet, erscheinen die Elemente des Kannibalismus weniger wichtig. Ich wurde dadurch angezogen, was die wahre Geschichte von Alexander Pearce sowohl als moralische Erzählung, als auch als über die Identität unserer Nation aussagt.
Als Produkte des kolonialen Australiens, drangen diese 8 Verurteilten tief in die Dunkelheit der menschlichen Natur ein und das ist, was die Geschichte für mich so faszinierend macht.
Die echten Ereignisse in Alexander Pearce‘ detaillierten Geständnissen sind ein seltener Einblick in die Brutalität des Überlebens und was es heißt Mensch zu sein. Außerdem war ich begeistert, wie schön die Landschaft an der Westküste Tasmaniens ist. Umgeben von Wänden aus undurchdringlichem Wald, stellte ich mir vor, wie furchteinflößend es für einen Flüchtling des neunzehnten Jahrhunderts sein müsste, dieser Landschaft zum ersten Mal gegenüberzustehen. Für diese acht entkommenen Sträflinge war es Wahnsinn einen Fluchtversuch durch dieses feindselige Land zu wagen. Ich dachte sofort, dass hinter den schrecklichen Dingen, die diesen Männern wiederfuhren, eine faszinierende Story steckt, in der der Kampf zwischen Mensch und Natur in einer Tragödie endet.
Mick: Was war der härteste Teil bei der Entstehung des Films?
Und wie hart war es, die ganzen Szenen in der Wildniss mit Regen und Schnee zu drehen?
Jonathan: Das Erschaffen des Films war eine Menge Spaß. Es fühlte sich wie eine Klassenfahrt an. Der Dreh war sehr anstrengend, aber das war exakt, wie wir es wollten. Wir wollten die Tortur durch die die Charaktere gingen, so authentisch wie möglich festhalten. Wenn die Schauspieler so aussehen, als hätten sie Schmerzen und würden frieren…taten sie das vermutlich auch. Ein großer Teil der Geschichte ist der Kampf gegen die Natur und die Elemente, also waren wir froh, dass es jeden Tag regnete. Jeder Beteiligter war wirklich engagiert. Daher war der Dreh überraschend einfach, egal wie hart die Dinge waren.
Der Dreh war wie ein Marathon. Sechs Wochen im Regenwald während des Winters, während sich bis zu sechs Leuten einen Raum teilten. Die Konditionen des Drehs und was die Schauspieler und Crew ausstanden, war Wahnsinn. Nicht nur ließen sich die Darsteller unglaublich dicke Bärte wachsen, lernten Akzente und sprachen sogar irisches Gälisch, sie mussten auch ganze Tage hüfthoch in eiskaltem Wasser oder Blutegel-verseuchten Wäldern verbringen. Aber als Steigerung gab es noch Schnee. Das war das Wunder des Drehs. Die armen Schauspieler wurden von einem Blizzard erwischt. Ich rannte mit Decken und Flaschen mit heißem Wasser den Hügel hoch und war mir sicher, sie würden vom Set flüchten. Ich war sicher, dies sei der letzte Strohhalm, aber als ich dort ankam machten sie eine Schneeballschlacht. Ihr Engagement bezüglich der Authentizität der Geschichte ist es, was meiner Meinung nach den Film zu etwas besonderem macht.
Mick: Obwohl du schon einmal einen Kurzfilm über die gleiche Geschichte gemacht hast, könnte ich mir vorstellen, dass es nicht allzu einfach ist, jemanden zu finden, der einem Geld für einen Film über einen Haufen Kannibalen gibt. Das ist nicht unbedingt Mainstream.
Jonathan: Das ist eine ziemlich harte Angelegenheit, aber wir wollten kein Popcorn-Movie machen, also hielten wir das Budget so niedrig wie möglich, was uns erlaubte mit mehr Risiko an die Sache heranzugehen. Dadurch, dass wir den Film als Indipendent-Projekt drehten, erhielten wir die Freiheit, das zu machen, was wir wollten. Alle Investoren konnten durch den Kurzfilm sehen, welche Art von Film es war und glücklicherweise glaubten sie noch genug an das Unterfangen um zu investieren. Diesen Kurzfilm zu haben war dafür perfekt geeignet, da so jeder rechtzeitig wusste, was wir vorhatten. Und obwohl es kein Mainstream ist, hat es sich gezeigt, dass es ein Publikum für anspruchsvolles Kino gibt, dass zum Nachdenken anregt. Man fragt sich als Publikum, ob man selbst zu solchen Taten fähig wäre. Wären sie zu Mord oder Kannibalismus fähig? Hätten sie die Situation anders geklärt?
Mick: Ich schrieb in meinem Review, dass Kannibalismus so selten und unglaublich ist, dass es zu den wenigen Dingen gehört, das die Menschen noch schockieren kann. Es gab vor einigen Jahren einen Fall von Kannibalismus in Deutschland, der durch alle Medien ging. Die Geschichte, auf die der Film beruht, ist viel älter. Was hast du gefühlt, als du zum ersten Mal davon gehört hast?
Jonathan: Ich hörte zum ersten Mal über die Geschichte von Alexander Pearce vor einigen Jahren auf einer Reise nach Sarah Island in Tasmanien. Ich konnte nicht glauben, dass solch ein wichtiges Teil der Geschichte nicht früher verfilmt wurde. Es ist solch eine faszinierende Story, die mich packte, sobald ich davon hörte. Ich hörte von dem Flugzeugabsturz in den Anden und der „Donner Party“ in Nordamerika, aber nichts über die entsetzlichste wahre Geschichte und den am besten dokumentierten Fall von Kannibalismus aller Zeiten…die Geschichte von Alexander Pearce. Und sie fand in meinem eigenen Land statt. Keine 200 km von dem Ort an dem ich aufwuchs!
Es war unter den Teppich gekehrt worden, um die dunkle Vergangenheit unseres Landes zu verbergen. Alexander Pearce‘ Geständnisse des Kannibalismus waren ein hässlicher Makel unserer Geschichte, also musste es ignoriert werden. Kannibalismus ist vermutlich das größte Tabu-Thema auf dem Planeten. Es wurde immer als die schlimmste Tat verstanden, die ein Mensch begehen kann. Schlimmer noch als Mord oder Vergewaltigung. Ich wollte einen Film machen, der zeigt, wie weit wir als Spezies gehen, um zu überleben und Kannibalismus als einen natürlichen Schritt in dieser Situation zeigen. Die Menschheit hat immer wieder in extremen Situationen auf Kannibalismus zurückgegriffen und die Pearce-Geschichte ist ein gut dokumentiertes Beispiel.
Mick: Da alles vor fast 200 Jahren geschah und es nur einen Überlebenden gab, stellt sich die Frage, wie viel auf Fakten beruht und was man sich nur noch zusammenreimen konnte.
Jonathan: Pearce gab vier detaillierte Geständnisse ab, die einen großartigen Einblick gaben, wer diese Männer waren und wie sie ihren Tod trafen. Jeder Tag der Reise wird von Pearce in entsetzlichen Details beschrieben. Wie sie getötet wurden, wie sie gegessen wurden und auch welche Art Landschaft sie durchwanderten. Die Behörden waren sehr interessiert an seinem Fall, da er der erste Europäer war, der die Reise durch diesen Teil der Welt überlebte. Er musste auf dem Weg einige Menschen töten und essen, aber was er schaffte war außergewöhnlich. Etwa 50 Tage Wanderung durch eine der unfreundlichsten Gegenden der Welt ohne irgendwelche Ausrüstung. Als er gefangen genommen wurde, brachten ihn die britischen Beamten dazu, jeden Hügel, jeden Berg und jeden Mord im kleinsten Detail zu beschreiben. Wir benutzten diese Geständnisse als Basis für das Drehbuch und der fertige Film ist so nah wie möglich an den echten Ereignissen.
Mick: Gab es irgendetwas womit ihr die Darsteller dazu gebracht habt, ihre Rolle mehr zu “fühlen”, wie zum Beispiel Nahrungsentzug vor dem Dreh?
Jonathan: Vor dem Dreh ging Oscar Redding (der den Alexander Pearce spielt) für drei Wochen in die Wildniss, mit nichts außer einem Wasserbehälter, einer Schachtel Streichhölzern und einer Decke.
Er wollte einen kleinen Geschmack der Entbehrungen bekommen. Als er zurückkam war er ein absolutes Wrack. Sehr dünn und sehr krank – was der ideale Look für die letzte Szene des Films war. Der Plan war, diese letzte Szene zuerst zu drehen und dann Oscar einen Monat Zeit zu geben um an Gewicht zuzulegen, bevor wir den Rest des Films drehen. Das Problem war, dass ich die letzte Szene später herausschnitt, so dass Oscar alles umsonst gemacht hat. Er versteht das aber, denn für ihn ist die Qualität des Films das wichtigste. Seine Hingabe zum Erzählen der Geschichte ist herausragend und beispiellos.
Mick: Darf man von dir mehr Kannibalismus erwarten oder in welche Richtung wirst du mit deinem nächsten Projekt gehen?
Jonathan: Oscar und ich sammeln Gelder für die Adaption von „Woyzeck“, das im australischen Outback in im Kreise einer herumreisenden Boxer-Truppe spielt. Es wird also zunächst keinen Kannibalismus geben, aber ich bin immer offen eines Tages einen Horrorfilm zu drehen. Ich liebe jede Art von Film.
Mick: Letzte Frage: Nachdem du dich lange mit dem Thema beschäftigt hast, denkst du, dass du tun könntest, was Pearce und die anderen taten.
Jonathan: Natürlich. Ich denke, wenn wir alle absolute ehrlich mit uns sind, würden wir zugeben, dass wir – um zu überleben – zu Kannibalen werden könnten. Wenn jemand anderes das Töten übernimmt, habe ich keinen Zweifel, dass irgendwer Nein sagen würde, wenn es um Leben und Tod ginge. Wie Alexander Pearce selbst sagte: „Niemand weiß wozu er fähig ist, bis ihn der Hunger dazu treibt“
Das Interview entstand mit freundlicher Unterstützung von Nando Rohner und Ion NewMedia.
Und nun zum Gewinnspiel.
Beantwortet uns hier bis zum 31.12. folgende Frage: Wie heißt der Hauptdarsteller von VAN DIEMEN’S LAND?





