Interview mit “Fantasyguide” Michael Schmidt

HP: Michael, Du bist seit einiger Zeit als Redakteur, Autor phantastischer Literatur und Herausgeber von Kurzgeschichtensammlungen tätig.
Siehst Du Dich eher als Schriftsteller oder Herausgeber?

MS: Du wirst lachen: Das weiß ich manchmal selbst nicht so genau. Die Arbeit mit “Zwielicht” macht wirklich Spaß. Man arbeitet mit Leuten zusammen, lernt andere Schreib- und Sichtweisen kennen und sieht eine Geschichte von außen, ähnlich wie der Leser. Andererseits schreibe ich selbst gerne und finde eine ungeheure Befriedigung darin, mit all den emotionalen Auf und Abs, die zum Schreibprozess dazu gehören. Im Moment macht aber gerade der Wechsel zwischen Schriftsteller und Herausgeber besonders Laune. Auf längere Sicht sehe ich mich aber eher als Autor. Dafür bräuchte ich allerdings mehr Zeit, damit man in Ruhe auch mal etwas Längeres wie einen Roman verfassen kann. In Moment schreibe ich ja ausschließlich in der Freizeit und die ist leider begrenzt.

HP: Wie kamst Du zur Literatur?

MS: Märchen, Kinderbücher, Comics, Heftromane, dann Taschenbücher, eine wie ich finde übliche Lesekarriere. Ich war und bin eine Leseratte und habe auch keinerlei Berührungsängste. So lange es sich nicht um langweilige Hochliteratur handelt, ziehe ich das gedruckte Buch immer dem Fernsehen vor und bevorzuge ganz allgemein die Spannungsliteratur.

HP: Das Genre der deutschsprachigen phantastischen Literatur kann auf eine weitreichende Tradition erfolgreicher Schriftsteller wie J. W. von Goethe, Heinrich von Kleist, E. T. A. Hoffmann oder Volker Brandorff zurückblicken, die sich eher der symbolträchtigen “viktorianischen” Gruselgeschichte verschrieben haben, während zeitgenössischere Autoren wie Wolfgang Hohlbein, Michael Siefener, Marcus Richter oder Robert Bloch merklich provokanter und offensiver zu Werke gehen und mitunter Tabus brechen oder Genregrenzen bewusst überschreiten.
Wie könnte die “deutschsprachige Literatur der Zukunft” aussehen?

MS: Gute Frage. Im Moment dominieren Namen wie Markus Heitz, Christoph Marzi oder Thomas Finn. Eher unterhaltsame Fantasygeschichten für die Generation Popcornkino. Das mag nicht schlecht sein, ist aber eher was für den Durchschnittsgeschmack. Es ist schwer, auf dem Markt Fuß zu fassen und dabei nicht ausgetretene Pfade zu beschreiten. Der von dir genannte Marcus Richter ist mit Sicherheit ein Autor, der das Potential hat, Erinnerungswürdiges zu schaffen. Doch dazu braucht man Durchhaltevermögen und letztendlich auch das Quäntchen Glück, um zumindest den minimalen kommerziellen Erfolg zu haben. Es gibt die Riege der interessanten deutschen Autoren zumindest in der Horror- und der SF – Literatur, die nicht nur “All Age” (Jugendbücher für jedes alter, Anm. des Autors) verfassen.
Ob es einer von ihnen schafft, steht aber in den Sternen. Ich glaube aber fest daran, dass sich die nächsten zehn Jahre etwas bewegt und wir denkwürdige Stoffe präsentiert bekommen werden. Vielleicht sogar von Autoren, die uns bisher noch kein Begriff sind. Es ist auf jeden Fall spannend, sich durch die aktuelle Szene zu lesen, und man findet schon die ein oder andere versteckte Perle.

HP: Du publizierst unter anderem auf der Internetseite “Leselupe.de”, auf der sowohl Autoren, Lektoren und Herausgeber mitwirken.
Was ist die “Leselupe” und welche Chancen bietet sie, sowohl für Leser als auch Autoren?

MS: 2000 begann ich nach längerer Pause zu schreiben. Und stand vor der Frage, wohin mit den Texten? Und sind sie wirklich veröffentlichungswürdig? Ich stieß auf die Leselupe und stellte meine ersten Texte ein. Und es hat sich gelohnt. Man findet wildfremde Menschen, mit denen man seine Geschichten diskutieren und lektorieren kann. Dabei ist nicht nur die Arbeit am eigenen Text wichtig. Gerade die Arbeit an fremden Texten eröffnet einem vollkommen neue Sichtweisen und verbessert auf längere Sicht die eigene Schreibe. Kritikfähigkeit ist allerdings Grundvoraussetzung. Man bekommt da durchaus mal Meinungen vor den Bug geknallt, die einem wenig genehm sind.
Aber wer ernsthaft Schreiben möchte, sollte diesen Weg auf jeden Fall probieren. Dafür ist die “Leselupe” eine gute Möglichkeit. Mir hat es eine Menge neuen Einsichten beschert und zusätzlich die Herausgeberschaft zweier Anthologien.

HP: Die von Dir herausgegebene Anthologie „Zwielicht“ wurde mit dem „Vincent Preis“ für die beste Kurzgeschichtensammlung 2010 ausgezeichnet.
Was ist das für ein Preis und wie kam es zu diesem Namen?

MS: Wie sieht eigentlich die „deutschsprachige Horrorliteratur der Gegenwart“ aus? Vor dieser Frage stand ich 2006. Natürlich kennt man die alte Garde der Heftromanautoren wie Jason Dark und Dan Schocker. Dazu kam Wolfgang Hohlbein, der in dieser Szene ja auch aktiv war, oder Uwe Voehl, den manche noch wegen seiner Henkerserie kennen. Aber sonst? Klar, als Autor kennt man die eine oder andere Kurzgeschichtensammlung mit interessanten Autoren. Aber dem Großteil der Leser bleibt die deutsche Horrorszene unbekannt. Was kann man dagegen machen? Ich schaute mich in der SF- Szene um. Da gab es zwei Literaturpreise und SF Reihen kleinerer Verlage mit langlebigen Magazinreihen wie NOVA.
Keine Frage, die deutsche Horrorszene brauchte einen “Horrorpreis”. Und da sich niemand bereit erklärte, einen solchen durchzuführen, habe ich den Job übernommen. Seit 2007 gibt es jetzt den “Vincent Preis”. Im ersten Jahr standen nur Kurzgeschichten zur Wahl, aber seit 2008 haben wir die Kategorien erweitert. Langsam steigert sich der Bekanntheitsgrad und es bildet sich verstärkt eine Szene. Aber ich denke, da haben Elmar Huber, mit dem ich den “Vincent Preis” durchführe, und ich noch eine Menge Arbeit vor uns und hoffen natürlich auf Eure Unterstützung.
Der Name “Vincent Preis” ist ein Namenspiel und bezieht sich auf den Schauspieler Vincent Price. Die Idee stammt von der Autorin Charlotte Engmann, die diesen genialen Einfall hatte, als wir auf dem “Horror-Forum” auf der Suche nach einem Namen für unseren Horrorpreis waren.

HP: Wo kann sich der interessierte Leser über den “Vincent Preis” informieren und seine Stimme für eine der Kategorien abgeben, um Buchprojekte, Autoren oder Herausgeber zu unterstützen?

MS: Einfach der Internetseite “www.vincent-preis.de” folgen. Diese führt zum “Vincent Preis Blog”, in dem wir allerlei Neuigkeiten rund um die deutsche Horrorszene und natürlich auch die Ergebnisse des “Vincent Preis” veröffentlichen. Aktuell startet gerade die Endrunde des “Vincent Preis 2010” und bietet wie ich finde einiges Lesenswerte für den Horrorfan. Die Endrunde läuft übrigens bis Ende Mai und der “Vincent Preis” wird am 18. Juni 2011 auf dem Marburg Con verliehen. Jeder der Nominierten bekommt eine Urkunde und ich hoffe, man trifft sich dort und diskutiert den aktuellen deutschen Horror von Angesicht zu Angesicht.

HP: Gibt es eine Person, die Dich inspiriert oder die Du als Vorbild bezeichnen würdest?

MS: Richtige Vorbilder habe ich keine. Gerne gelesen habe ich Karl E. Wagner, dessen düstere Fantasygeschichten über Kane ein Genuss sind. Piers Anthony SF Romane, Mickey Spillanes Hard Boiled Krimis oder die Geschichten von Philip K. Dick, es gibt eine Menge guter Autoren. Die Kurzgeschichten von Robert Bloch nicht zu vergessen.
Aber insgesamt gehe ich lieber meinen eigenen Weg.

HP: Du bist Herausgeber des eZines “Fantasyguide”, das einmal im Monat die beste Geschichte auswählt und diese Geschichten in regelmäßigen Abständen in einer Anthologie veröffentlicht.
Was muss man sich unter einem “eZine” vorstellen und wo kann der interessierte Leser die vom “Fantasyguide” veröffentlichten Kurzgeschichtensammlung beziehen?

MS: Früher gab es einerseits die Hochglanzmagazine an den Bahnhofsbuchhandlungen, andererseits tausende Fanzine, die in irgendwelchen Hinterzimmern gedruckt wurden. All das kostet aber Geld. Das Internet dagegen bietet eine einfache Möglichkeit, sich einer Leserschaft zu präsentieren. Der “Fantasyguide” besteht seit 2001 und ich bin relativ früh zum Team von Christoph Weidler gestoßen. Wir bieten Rezensionen, Interviews, längere Artikel, aber auch Kurzgeschichten. Aus der Zusammenarbeit ist dann die Fantasyserie “Saramee” entstanden, eine Shared World Serie in der Tradition von Diebeswelt, sowie das gedruckte Phantastikmagazin “Phase X”, dessen 8. Ausgabe kurz vor der Veröffentlichung steht.
Um die Kurzgeschichtenkategorie ein wenig aufzuwerten und natürlich auch der Inflation an Internetgeschichten ein Gegenpol zu setzen, nominiere ich einmal im Monat die Kurzgeschichte des Monats. Dabei wechsle ich zwischen Science Fiction, Fantasy und Horrorgeschichten. Und die Geschichten erfreuen sich äußerster Beliebtheit, die Zugriffszahlen steigen Monat für Monat.
Die Kurzgeschichtensammlung „Der wahre Schatz“, die erste Sammlung dieser Kurzgeschichten des Monats, kann man über Amazon beziehen. Ein zweiter Band ist in Planung und wird hoffentlich in der zweiten Jahreshälfte das Licht der Welt erblicken.
So ein eZine bietet aber nicht nur Arbeit, sondern auch eine Menge neuer Kontakte. Ich habe da mittlerweile schon eine Menge Leute kennen gelernt und man trifft sich auch regelmäßig einmal im Jahr, meistens auf dem Bucon. Dort hatten wir letztes Jahr eine Lesung zu “Der wahre Schatz” und es war ein wirklich tolles Erlebnis, “Besessen” von Torsten Scheib oder auch “Ein unheimlich gutes Buch” von Marcus Richter zu hören.
Man sieht, ein eZine kann schon eine Menge Action bieten.

HP: Erzähl uns etwas über Deine aktuelle Publikation “Der wahre Schatz”.

MS: Wie oben erwähnt, lief die Kurzgeschichte des Monats so gut, dass mich Michael Haitel von p.machinery ansprach und mir vorschlug, daraus eine Anthologie zu machen. Ich war sofort Feuer und Flamme, wollte dem potentiellen Leser aber etwas Zusätzliches bieten, da die Geschichten ja auch online verfügbar sind. Also schrieb ich zu jeder Geschichte eine kurze Einleitung und bat die AutorInnen um einen Hintergrundbericht. Den gab es und dazu jeweils eine exklusive Illustration und schon hatten wir das Buch “Der wahre Schatz”. Das Titelbild ist übrigens von Chris Schlicht, deren enthaltene Fantasygeschichte “Dunkle Schwingen” den “Marburg Award” gewann.
Berührungsängste sollte man bei dem Buch aber nicht haben. Es geht quer durch die Genres und bietet einiges an Abwechslung.
Das Buch läuft leider noch nicht so gut, aber wir lassen uns nicht entmutigen und warten ab, ob es mit dem zweiten Band besser wird.

HP: Die Anthologien der “Zwielicht”-Reihe, von der bisher zwei Bücher erschienen sind, beinhalten auch Essays und Berichte zum Thema “Horror in der Literatur” und sind, neben dem Magazin “Omen” aus dem Festa-Verlag, eine der wenigen deutschsprachigen Gegenstücke zu US-amerikanischen Pulp-Magazinen wie “Weird Tales” und “Argosy”.

MS: Die letzte Ausgabe von Omen liegt ja leider schon ein paar Jahre zurück und ob Omen 3 jemals erscheinen wird, steht in den Sternen. Es gibt noch “Arcana” aus dem “Verlag Lindenstruth”, ein im Heftformat erscheinendes Magazin, da sind auch schon 13. Ausgaben erschienen.
Aber du hast nicht Unrecht. Genau das Fehlen einer Reihe wie “Weird Tales” hat mich ja zu “Zwielicht” inspiriert. Es gibt SF Anthologiereihen, ebenso Phantastikmagazine, die sich allen Sparten der Phantastik widmen. Aber keine richtige Horrorreihe.
Und der Erfolg gibt mir Recht. Band 1 ist seit Herbst letzten Jahres verlagsseitig ausverkauft und auch “Zwielicht 2” läuft bisher gut. Wenn die Nachfrage so bleibt, wird wohl nachgedruckt.
Aber die Verkaufszahlen reichen natürlich nicht für die Erwartungen der großen Verlage, die vierstellige Auflagen und mehr gewohnt sind. So werden Publikationen wie “Zwielicht” immer ein Nischendasein führen. “Zwielicht 3” ist in der Mache und wird im Herbst erscheinen. Ich suche immer nach interessantem Material, wer also einen Artikel oder eine Horrorkurzgeschichte in der Schublade hat, kann mich gerne über “www.defms.de” kontaktieren.
Natürlich lebt eine solche Reihe von seinen Lesern. Daher kauft “Zwielicht” und vor allem: Schreibt mir eure Meinung zu dem Magazin! Ich bin immer für Verbesserungsvorschläge offen und auch die Autoren freuen sich über jede Rückmeldung.

HP: Warum tut sich der deutschsprachige Literaturbetrieb so schwer bei der Publikation eines regelmäßig erscheinenden Magazins, das sich mit phantastischer Gegenwartsliteratur auseinandersetzt?

MS: Der Bedarf scheint nicht in ausreichendem Maße da zu sein. “Phantastisch!” hat sich ja schon dem allgegenwärtigen Fantasyjugendtrend ergeben und erscheint in 1200er Auflage, hat aber immer noch zu wenig Leser. Es sind noch ausnahmslos alle 41 Ausgaben erhältlich, obwohl die ersten schon zehn Jahre auf dem Markt sind.
Ein Grund ist wohl auch das Internet, da findet sich ja unglaublich viel Lesestoff und das auch noch kostenlos. Ich kann jeden Leser nur dazu aufrufen, sich einfach mal zu trauen und das vielfältige Angebot wahrzunehmen. Jeder Leser zählt! Und vielleicht inspirieren ja die Nominierungen für den “Vincent Preis” den einen oder anderen Leser zu einem Kauf.

HP: Welches Buch hast Du zuletzt gelesen oder liest Du gerade?

MS: Zuletzt gelesen habe ich die Anthologie “Das Buch der lebenden Toten” (evolver books), klare Kaufempfehlung, und der Horrorroman “Samhane” (Voodoo Press), den ich leider nicht empfehlen kann. Stattdessen würde ich dem Leser “Die Mutter” (Festa Verlag), ein abgefahrenes Horror-Road-Movie, ans Herz legen. Das Buch ist aber nichts für schwache Nerven.
Gut gefallen hat mir auch “Schaumschwestern” (Matthes und Seitz) von Thor Kunkel, dabei handelt es sich aber um ein SF Buch. Wer einen von David Bowie inspirierten Berlinroman lesen möchte, sollte zu Karla Schmidts “Das Kind auf der Treppe” (Piper) greifen. Ein wirklich mitreißendes, wenn auch nicht immer einfaches Buch.

HP: Was werden Deine nächsten Projekte sein?

MS: Ich arbeite gerade an Zwielicht 3 und habe neben den ersten beiden Geschichten schon weitere Zusagen zu Stories und Artikeln. Parallel plane ich gerade das zweite Fantasyguide Jahrbuch. Und wenn alles klappt, erscheint das Buch “Silbermond” aus meiner Feder dieses Jahr bei “Eloy Editions”. Enthalten sind drei Horrorgeschichten, die allesamt in der Stadt Silbermond spielen. Die längste Geschichte ist ein Crossover zwischen Horror und harter Rockmusik. Ihr dürft gespannt sein.

HP: Was ist Deine Horror-Lieblingsfigur?

MS: Ich finde, der Werwolf und der Vampir haben ein sehr großes Potential, wenn die aktuelle Literatur auch das Gegenteil vermitteln. Neben den heute üblichen Liebesromanzen und Bandenkriegen bieten gerade diese beiden klassischen Figuren eine Menge Möglichkeiten. Beide können ihre Gestalt wandeln und bieten sich für den Kontrast zwischen Gut und Böse an. Der geneigte Leser kann sich mal an “Eine andere Wildnis” von Jakob Schmidt (Nominiert für den Vincent Preis 2009) versuchen, die Geschichte ist online auf der Blogseite des “Vincent Preis” zu lesen.

HP: Vielen Dank für das Interview.

MS: Ich habe zu danken!

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Geschrieben von Autor | Interviews

2 Kommentare

  1. Nina
    27 Mrz 2011, 3:50 pm

    Ein interessantes Interview für alle Freunde deutscher Horrorliteratur!

  2. Alex1979
    27 Mai 2011, 3:01 pm

    Sehe ich auch so, vor allem sehr informativ 🙂

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