Interview mit “Lokalkoloriteur” Andreas Prochaska

HP: Andreas, Dein neuer Film DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT läuft gerade in den Kinos.

Worum geht es bei diesem Film?

AP: In Kurzform: Horst kassiert seit zwei Jahren die Pension seiner verstorbenen Oma, um sich das Leben ein Bisserl zu erleichtern. Alles kein Problem, bis sich ein Lokalpolitiker ansagt, um der betagten Jubilarin zum Geburtstag zu gratulieren. Kurz entschlossen “borgt” sich sein Freund und Mitbewohner Toni eine alte Dame aus. Dass er dabei zufällig die Kammerschauspielerin Elfriede Ott erwischt, ist der Beginn zahlreicher turbulenter Verwicklungen. Ich hab mich da von den Farrellys, den Coens und den Will Ferrell-Filmen inspirieren lassen, und das alles in steirischem Dialekt.

HP: Im Gegensatz zu der IN 3 TAGEN BIST DU TOT-Reihe , bei der Du ebenfalls Regie geführt hast und die eindeutig dem klassischen Slasher-Genre zuzuordnen ist, ist DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT ein wilder Mix aus Krimi, Action und Komödie.

In welchem Genre bist Du heimisch oder was braucht ein Drehbuch bzw eine Story, um für Dich als Regisseur interessant zu sein?

AP: Zuerst muss ich Dich korrigieren, der zweite Teil von I3TBDT ist kein klassischer Slasher, ich würde ihn eher dem Survival Horror zuordnen.

Ich wollte bewusst keine typische Fortsetzung drehen, sondern die Geschichte der Hauptfigur weiterdenken und innerhalb des Genres in eine andere Richtung gehen, auch um zu beweisen, dass der erste Film kein Glückstreffer war.
So gesehen bin ich in keinem Genre „heimisch“, es wäre für mich langweilig mich auf ein Genre festzulegen.
Das war sicher auch ein Grund, warum ich jetzt den Ott-Film gemacht habe. Übrigens war mein erster Kinofilm DIE 3 POSTRÄUBER eine Krimikomödie für Kinder, nach einem Buch von Christine Nöstlinger, mit kleinen Anleihen beim KRIEG DER KNÖPFE.
Aber zur eigentlichen Frage: Wenn ich ein Buch lese, ist das erste Kriterium, ob ich mir den Film im Kino anschauen würde. Und wenn ich die Frage mit “Ja” beantworten kann, ist mir das Genre egal. Beim ersten Teil von I3TBDT war natürlich auch das Experiment sehr reizvoll, ein klassisches amerikanisches Genre Setup in eine österreichische Kleinstadt zu verlegen und auszuprobieren, ob das funktioniert.

Sabrina Reiter in IN 3 TAGEN BIST DU TOT

Sabrina Reiter in IN 3 TAGEN BIST DU TOT

HP: Worin liegt für Dich der Unterschied in Deiner Arbeit zwischen einem Horrorfilm wie IN 3 TAGEN BIST DU TOT und einer Krimikomödie wie DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT?

AP: Die Komödie war mit Abstand das Anspruchvollste, das ich bis jetzt gemacht habe. Auch wenn es inhaltlich nicht so aussieht, aber es ist doch um einiges leichter die Leute zu erschrecken, als sie zum Lachen zu bringen. Du hast keine Hilfsmittel, wenn der Gag am Set nicht funktioniert, dann wird er nie funktionieren.
Beim Horrorfilm hat man im Schnitt und im Sounddesign noch einige Möglichkeiten, die Dinge zu optimieren, die am Dreh vielleicht nicht perfekt waren. Bei der Komödie ist man da eingeschränkter.

HP: Elfriede Ott ist eine österreichische Theaterschauspielerin, die sich selbst spielt. Auch die IN 3 TAGEN BIST DU TOT-Reihe hebt sich durch eine große Portion Lokalkolorit von internationalen Genreproduktionen ab.

Warum ist Dir scheinbar der Bezug zu Östrerreich innerhalb der Inszenierung Deiner Filme so wichtig?

AP: Ohne “Lokalkolorit” oder besser “Authentizität der Figuren” – und da ist ja die Sprache ein wesentlicher Teil davon – hätte gerade der erste Teil von I3TBDT überhaupt keinen Sinn gemacht.
Das war ja letztlich das Besondere an dem Film, dass er versucht möglichst echte Menschen zu zeigen, die Story war ja wirklich nicht neu. Und interessanterweise funktioniert das international auch besser als im deutschen Sprachraum, da sind wir ja alle miteinander durch das Fernsehhochdeutsch völlig verdorben, und da findet man dann schnell einen österreichischen Dialekt ulkig oder befremdlich.
Und obwohl ja die Amerikaner, die den Film gesehen haben, kein Wort Deutsch verstanden haben, hat man die Ehrlichkeit im Spiel trotzdem gespürt.
Ich finde, Filme brauchen einen Ort, an dem sie spielen, sonst wird alles austauschbar und beliebig.

HP: Wie war es für Elfriede Ott, sich selbst zu spielen?

AP: Schon schräg. Obwohl sie natürlich schon eine Rolle gespielt hat, die ihren echten Namen trägt, die echte hätte ja da und dort sicher anders reagiert.
Aber sie hat den Wahnsinn mit großem Humor und Selbstironie über sich ergehen lassen und mir war sehr wichtig, dass ich das Vertrauen, das sie mir entgegen gebracht hat, nicht enttäusche.
Ich wollte sie im Film immer mit Respekt behandeln und mich nie über sie lustig machen. Und sie ist eine wirkliche Heldin.
Sie ist mittlerweile 85 und hat ihre „Rolle“ mit Herz und Professionalität gemeistert.

Elfriede Ott und Andreas Prochaska bei der Premiere von DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT

Elfriede Ott und Andreas Prochaska bei der Premiere von DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT

HP: Glaubst Du, dass der internationale Erfolg von IN 3 TAGEN BIST DU TOT dazu beitragen könnte, deutschsprachigen Genreproduktionen zu einer größeren Aufmerksamkeit bei Presse und Publikum zu verhelfen?

AP: Das kann ich nicht sagen. Gerade das deutsche Publikum ist schon sehr speziell und akzeptiert wenig jenseits von Bully und Til Schweiger.
Ich merke das immer, wenn ich mit deutschen Produzenten rede, die alle meinen, “Genre” funktioniert in Deutschland nicht. Die Boxoffice zahlen geben ihnen ja leider recht.
Da sind wir in Österreich vielleicht weiter oder man hat hier mehr Narrenfreiheit, obwohl die Skepsis des Publikums österreichischen Filmem gegenüber nach wie vor sehr hoch ist.
Man muss da nach wie vor Entwicklungshilfe für Genrefilme leisten.

HP: Gibt es eine Person, die Dich inspiriert oder die Du als Vorbild bezeichnen würdest?

AP: Robert Wise ist jemand, den ich für seine Vielfalt immer bewundert habe. Der hat THE HAUNTING gedreht und im nächsten Jahr den Oscar für SOUND OF MUSIC bekommen. Die Szenen aus ANDROMEDA – TÖDLICHER STAUB AUS DEM ALL, in denen statt Blut Sand aus den Adern rinnt, sind eine beunruhigende filmische Kindheitserinnerung. KANONENBOOT AM YANGTSE-KIANG fand ich auch großartig.

HP: Welches Buch hast Du zuletzt gelesen oder liest Du gerade?

AP: Auf meinen Nachtkastl liegen gerade DIE WOHLGESINNTEN von Jonathan Littell, LIFE, die Autobiographie von Keith Richards, und ein paar Bücher über den ersten Weltkrieg, aber ich komm grade überhaupt nicht zum Lesen.

HP: Auf welchen Film freust Du Dich 2011 ganz besonders?

AP: Ich bin neugierig auf den neuen Film von Terence Malick TREE OF LIFE und den neuen Film von Peter Weir THE WAY BACK.

Andreas Prochaska am Set von DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT

Andreas Prochaska am Set von DIE UNABSICHTLICHE ENTFÜHRUNG DER FRAU ELFRIEDE OTT

HP: Was werden Deine nächsten Projekte sein?

AP: Im Moment bereite ich gerade einen Fernsehfilm vor, ein medizinischer Thriller, nach einer wahren Geschichte, fast ein Kammerspiel in einem OP. Und ich denke ernsthaft über einen Western nach.

HP: Mit wem würdest Du gerne mal zusammenarbeiten?

AP: Also es wäre schon interessant Joaquin Phoenix wieder zum Film zurückzubringen.

HP: Was ist Deine Horror-Lieblingsfigur?

AP: Hab ich keine, aber ich mag Albert Finney und die Wölfe aus WOLFEN.

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Geschrieben von Autor | Interviews

1 Kommentar

  1. max
    21 Apr 2011, 7:58 am

    Ausführliches und gutes Interview. Danke

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