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Der Mieter (1976)

: Roman Polanski, Isabelle Adjani, Melvyn Douglas, Jo van Fleet, Shelley Winters, Lila Kedrova
: Roman Polanski
: Gérard Brach, Roman Polanski
: 125
: 18
: 08.01.2004 (DVD)
: Paramount Pictures
: Frankreich
Unsere Wertung
7.0
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9.0

Der Mieter (1976)

miParis in den 70er-Jahren. Der junge, schüchterne Büroangestellte Trelkovsky (Roman Polanski) sucht eine Wohnung und stellt sich in einem beliebigen Mietshaus beim dortigen Vermieter Monsieur Zy (Melvyn Douglas) vor. Der ist dem Bewerber gegenüber anfangs skeptisch, willigt jedoch daraufhin ein, die Wohnung der Vormieterin Simone Choule (Dominique Poulange) an ihn weiter zu geben, wenn diese im Krankenbett stirbt. Denn jene Mademoiselle Choule war vor geraumer Zeit aus ihrem Wohnzimmerfenster 3 Stockwerke durch eine Glasfront in die Tiefe gesprungen und hatte sich lebensgefährliche Verletzungen zugezogen …

Im Vorfeld erkundigt sich Trelkovsky, natürlich nicht nur der Pietät wegen, im Krankenhaus nach der Vormieterin. Doch diese vegetiert nur völlig apathisch dahin und verstirbt kurz darauf. Im Zuge dieser verstörenden Zusammenkunft lernt er eine Freundin der Frau kennen, die attraktive Stella (Isabelle Adjani), welcher er dann langsam näher kommt und mit ihr auch deren Freundin Simone. Doch nach einer kurzen Phase des Einlebens in der engen, noch mit Madame Choule’s Sachen vollgestopften Wohnung häufen sich bereits die seltsamen Ereignisse. Mitten in der Nacht scheinen sich Personen, die nie zuvor jemand gesehen hat, auf der Gemeinschaftstoilette zu treffen. Hinterm dem Schrank ist in der Wand ein Zahn versteckt. Auch die Nachbarn, allen voran der Vermieter, benehmen sich sonderbar und scheinen sich an jeder noch so kleinsten Bewegung in Trelkovsky’s Wohnung zu stören, diese als Lärmbelästigung anzusehen.

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Nach und nach nimmt das Leben des jungen Mannes in dieser verfluchten Wohnung eine dramatische Kehrtwende. Anonyme Drohbriefe gehen ein, ein Einbruch findet statt und sogar Personen außerhalb des Hauses behandeln den zurückhaltenden Mann, als wäre er jemand komplett Anderes. In manischen Fieberträumen bildet sich Trelkovsky ein, von allen Seiten bedroht und angegriffen zu werden, wittert schließlich sogar eine Verschwörung gegen die eigene Person und drängt sich selbst immer mehr in die Rolle der Vormieterin Madame Choule …

Polanski, der hier zum ersten Mal auch gleich eine Hauptrolle in einem seiner eigenen Filme besetzte, schuf hier den Abschluss seiner Mieter-Trilogie des Wahnsinns (zusammen mit Ekel und Rosemary’s Baby). Denn gerade in den eigenen vier Wänden, in denen sich ein jeder sicher, unantastbar und unbeobachtet fühlt, findet sich hinter verschlossenen Türen ein großer Näherboden für allerhand Grausamkeiten. Zugleich handelt es sich hier um einen interessanten Beitrag zum Thema Psychosen. Denn an jenen leidet der von ihm verkörperte, labile Charakter zusehends.

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Dies lässt natürlich Interpretationsspielraum in Bezug auf die Ursache all der Geschehnisse zu – beziehungsweise ist der Zuschauer selbst gefragt, wenn es darum geht, zu erklären, was ihm hier vom polnischstämmigen Multitaltent vermittelt werden soll. Einerseits liegt es nahe, dass der labile, einsame und innerlich zerrissene und unausgeglichene Jüngling, toll vom damals bereits 43Jährigen verkörpert, schlichtweg aufgrund seiner unbestimmten und trostlosen Existenz zusehends dem wilden Treiben seiner Imagination verfällt. Sein Job ist eintönig, er hat keine Freunde außer einiger nur an Feiern und Alkohol interessierter Arbeitskollegen, sein Sexualleben ist ein Desaster und durchsetzen kann er sich nicht einmal gegenüber der mürrischen Concierge mitsamt bissigem Taschenköter.

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Auf der anderen Seite könnte es auch gut sein, dass hier schlichtweg methaphorisiert wird, was ebenso nahe liegt. Wo damals wie heute vor allem in (europäischen) Industrienationen bestimmte Traditionen, Werte und Sitten gepflegt werden, wo die Masse Geschmäcker, Verhaltensweisen und ethische Grundsätze bestimmt, wo sich der Pöbel in ekelhaft gleichgeschalteten und von egomanischem Selbsthass geschwängerten, mächtigen Allianzen ein System im System bildet, sind sogenannte Querulanten, Sittenstrolche, Außenseiter nie gern gesehen. Besonders wenn sich diese durch immer neue Aktionen aus dem Aus zu befördern drohen. So kann man den Erhalt der Mietwohnung als Probeaufnahme in einen pseudoelitären Zirkel ansehen und die weiteren Ereignisse als klägliches Scheitern am laufenden Band, was schließlich in einem Exitus bzw. dem Ausschluss aus der Hausgemeinschaft/Gesellschaft gipfelt.

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So ist Der Mieter ein netter Horror-/Psychothriller-Hybrid eines über Jahrzehnte hinweg positiv agierenden Regisseurs, der als Hauptdarsteller gleich doppelt im Gedächtnis bleibt, welcher zwar nicht ganz an Ekel herankommt, jedoch trotzdem die Buchvorlage  Le locataire chimérique von Roland Top mehr als gelungen in Filmform präsentiert. Einige Plotholes sowie eine geringe Zahl an blassen Supportcharakteren und eine stellenweise sinnlose deutsche Sychnronisation kosten einem verstörenden und tiefgründigen Werk, das viel zu wenig beachtet und zu stark im Schatten der beiden Vorgängerfilme steht, die Topwertung. Trotz allem kann sich Der Mieter durchaus noch mit heutigen Genregrößen messen oder gar das Gros selbiger aufgrund deren grauenhafter Durchschnittlich- und Einfallslosigkeit locker an die Wand spielen.

 

 

Der Mieter (1976), 9.0 out of 10 based on 2 ratings

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