Classic-Review FORMICULA - FBI-Agent auf Ameisenjagd

FORMICULA (1954) – Classic-Review

: James Arness, James Whitmore, Joan Weldon, Edmund Gwenn
: Gordon Douglas
: Ted Sherdeman, Russell Hughes
: ca. 93 min
: ab 12
: 1954
: Warner Bros Pictures
Unsere Wertung
8.5
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9.0

FORMICULA (1954) – Classic-Review

Ein kleines Mädchen irrt durch die Wüste von Nevada, hält in seiner Hand eine Puppe mit einem zerbrochenen, entstellten Gesicht und reagiert völlig apathisch auf jede visuelle oder akustische Stimulanz. Spätestens jetzt merkt der Zuschauer, das etwas Grundlegendes nicht stimmt!

Als man dann die furchtbar verstümmelten Leichen der Eltern des Kindes  findet, wird aus dieser Diskrepanz echtes Unbehagen, denn sie wurden nicht nur in Stücke gerissen, sondern vielmehr aus ihrem eisernen Wohnwagen herausgeschnitten, wie aus einer Konservendose.

Dr. Medford (Edmund Gwenn) merkt relativ schnell, dass hier etwas ganz und gar Unnatürliches vonstatten geht. Durch einen simplen Geruchstest findet er heraus, dass nur Ameisen für das Drama verantwortlich sein können. Doch wie und warum sollte ein Insekt, das durchschnittlich nicht einmal fünf Millimeter groß wird, dazu in der Lage sein, Menschen zu fressen und deren Wohnstatt zu verwüsten? Das ist eine Frage, an der sich Sergeant Ben Peterson (James Whitmore) den Kopf zerbricht, jedoch nicht die Zähne ausbeißt.

Ganz einfach: sie wachsen!

FORMICULA ist mit Fug und Recht ein Klassiker des Horrorgenres, denn dieser Film ist nicht nur “Creature Feature” (Filme, in denen Monster oder außergewöhnliche Kreaturen vorkommen) und Vorreiter für die “Bugs” (Insekten) in STARSHIP TROOPERS oder MIMIC, sondern versinnbildlicht hervorragend das Bild der Angst, das eben diese Epoche maßgeblich prägte: die Angst vor einem nuklearen Fallout.

Im Verlauf wird deutlich, dass die damaligen Zuschauer nur eine amorphe und schemenhafte Vision von eventuellen zukünftigen Konsequenzen der Nutzung nuklear kontaminierten Materials hatten. Sie hatten keine Mikrowelle, AKWS waren “Zukunftsmusik”, wie Laserkanonen oder die allseits beliebte Form des Reisens, die man immer dann bestaunen kann, wenn Captain Jean Luc Picard sagt: “Energie!”
Man hielt Vieles für unmöglich, was man aufgrund heutiger, wissenschaftlicher Belege ausschließen oder untermauern kann. Demnach kann man wohl kaum wahrhaft empathisch nachvollziehen, was den Zuschauern der Kinopremiere von FORMICULA durch den Kopf ging, als sie mit einem Film umgehen mussten, in dem durch atomare Tests drei bis vier Meter lange Ameisen Menschen fressen und Nester bauen, ohne jemals Vergleichbares konsumieren zu können.

Kein Zweifel: FORMICULA war der pure Horror! Doch nicht nur in Bezug auf die monströsen Dimensionen seiner sonst so winzigen Hauptdarsteller, sondern vielmehr wegen derer bloßer Existenz. Man hielt Raumschiffe, Gehirntransplantationen und Bewusstseinsteleportation für alltägliche Phänomene im Jahre 2000. Viele der mittlerweile “veralteten” Tabus wurden bereits mehrmals gebrochen. CGI hat unsere Monster “unabhängiger” und realistischer werden lassen.

Sieht man über all diese “epochalen” Kriterien hinweg, ist FORMICULA absolut zeitgemäß und auch in der heutigen Zeit tricktechnisch interessant und unterhaltsam. So weist der Film nicht nur dem künftigen “Creature Feature” originelle und nachahmunswürdige Wege vor, sondern überzeugt auch mit der, für die damalige Zeit eher seltenen, feministisch geprägten Hauptrolle Dr. Patricia Medfords (Joan Weldon), die dem supercoolen FBI-Agenten Robert Graham (James Arness) erst sagen muss, dass er auf die Fühler der gigantischen Horrorameisen schießen soll. Bei FLASH GORDON war es andersherum, da musste der Held erst der Hauptdarstellerin empfehlen, dass sie sich doch beser festhalten sollte, auf einem Flug in einer winzigen Rakete, die ins All geschossen wird.

FORMICULA ist zu brutal, um “nur” zu unterhalten. Lässt man sich auf die Nostalgie der klassischen Pioniere des Horrorgenres ein, findet man ein Juwel! Der Film stellte inhaltlich neue Fragen, in einer Zeit, in der kaum jemand “garantierbare Antworten” parat hatte. Er polarisiert auf eine Weise und in einer Intensität, die heutzutage Künstlern wie Marylin Manson oder Rob Zombie vorbehalten scheint. Und er macht Angst vor der Zukunft vor durch Atomkraftwerke erzeugte Energie. Man muss dieser Tage nur nach Japan blicken, um zu verstehen, dass diese Angst zwar indifferent, jedoch absolut gerechtfertigt war.

Fazit: Ohne diesen Film würde dem “heutigen” Horrorfilm an etwas fehlen. Um in Sachen “Monster” oder die Ursprünge des “Creature Feature” mitreden zu können, sollte man FORMICULA gesehen haben.

Mindestens ein Mal!

FORMICULA (1954) - Classic-Review , 9.0 out of 10 based on 2 ratings

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Geschrieben von Autor | Classic - Reviews, Reviews (Filme)

2 Kommentare

  1. Intergalactic Ape-Man
    19 Mrz 2011, 1:25 pm

    Interessante Position, die gerade jüngeren Skeptikern vielleicht einen Zugang zu diesen Filmen verschafft, die meine Sorte nur mit einer steif-nostalgischen Liebe versehen kann, obwohl “Formicula” gleichwohl zu den besten Vertretern seiner Zunft gehört.
    In einem muß ich dir jedoch widersprechen. Zum einen waren Atombombenversuche und nicht zuletzt die Abwürfe auf Hiroshima und Nagasaki von 1945 in den Köpfen präsent. Die Amerikaner versuchten durch Filme wie “A is for Atom” die Kernkraft zu beschönigen und boten mit dem Propagandafilm “Duck and Cover” doch sehr einfältige Ratschläge im Umgang mit einer Strahlenbedrohung.
    Gerade 1954 ging im russischen Obninsk das erste zivile Kernkraftwerk der Welt ans Netz. Im Zusammenhang mit der Paranoia der McCarthy-Ära sicherlich der richtige Zündsatz, um Kernkraftskeptikern und denen, die bestimmte Folgen des Kernkrafteinsatzes erlebten, in die Hände zu spielen. Die angespielte Angst in “Formicula” ist also durchaus genau am Zahn der Zeit. Was die Folgen der Kernkraft sind, können ja selbst wir heute nur erahnen.

  2. Alex1979
    20 Mrz 2011, 12:18 am

    “Was die Folgen der Kernkraft sind, können ja selbst wir heute nur erahnen.”
    Wohl wahr, insofern ist die Kernkraft eine willkommene Spielwiese für Spekulationen jeglicher Art.

    “Die Amerikaner versuchten durch Filme wie “A is for Atom” die Kernkraft zu beschönigen und boten mit dem Propagandafilm “Duck and Cover” doch sehr einfältige Ratschläge im Umgang mit einer Strahlenbedrohung.”

    Sicher, die Frage is doch: warum wollten sie die Atomkraft beschönigen? Eben weil viele Menschen (zurecht) Angst vor ihr hatten bzw haben.

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