Buch- Göttin des Todes

“Nun, dies hier ist die Hölle; und ich bin noch in ihr.”

Mit diesem Zitat beginnt der Debutroman GÖTTIN DES TODES von DAN SIMMONS, der später mit HYPERION, OLYMPOS und ILLIUM Welterfolge feierte und nahezu jeden Preis gewann, der in der Literaturszene Rang und Namen hat.
Und die Hölle ist allgegenwärtig auf dieser Tour de Force, in jeder nur erdenklich Form der Angst, des Terrors und Wahnsinns.

Gnadenlos wortgewaltig und bodenständig konfrontiert SIMMONS den Leser mit den verstörenden Eindrücken einer gänzlich fremden Kultur und schafft es so, den Leser in den Strudel der Ereignisse hineinzuziehen, und das umso nachhaltiger, weil viele der beschriebenen Schrecken und Gräuel wahrhaftig Realität sind und den Alltag Indiens ausmachen.

Der Autor Robert Luczak wird von seinem Verleger nach Kalkutta geschickt um den verschollenen Schriftsteller M. Dash ausfindig zu machen. Ein neues Gedicht, das scheinbar aus der Feder des totgeglaubten Poeten stammt, sorgt für Furore, denn anders als seine bisher veröffentlichten Arbeiten ist es eine Lobhymne auf den Tod und die in Indien verehrte Todesgöttin Kali. Um auch in Zukunft dessen Werke vermarkten zu können, soll Luczak den Ursprung des neuen Gedichts ergründen und das Geheimnis der Jahre langen Abwesenheit von M. Dash lüften.

Seine Suche wird zur Odyssee durch eine feindliche und düstere Realität der Unterwelt Indiens, führt ihn immer tiefer in Mysterien geheimnisvoller Sekten und treibt ihn an den Rand des Vorstellbaren. Dabei setzt er nicht nur sich unvorstellbaren Gefahren aus, sondern auch seine Frau und und seine kleine Tochter. Erschüttert durch die allgegenwärtige Armut der Eingeborenen, umringt von Krankheit, Elend und Tod, taucht er ein in die Welt der Kali, die im Geheimen verehrt wird, wohnt Menschenopfern bei und lernt auf schmerzvolle Weise, dass manche Mythen ihren Ursprung in Fleisch und Blut haben und es weitaus schlimmere Dinge gibt, als den Tod. Die sich vermischenden Grenzen von Leben und Tod, Vernunft und Wahnsinn, prägen Luczaks Wahrnehmung und lassen ihn an bisher felsenfesten Überzeugungen zweifeln. Nichts hat Bestand in der Finsternis, nichts außer der Angst und Verzweiflung, die ihn übermannt, als er erkennt, welchen Preis er zahlen muss, um das Ziel seiner Reise zu erreichen.

GÖTTIN DES TODES ist zugleich Detektivgeschichte und Roadmovie, spielt jedoch in einer derart trostlosen und erbärmlichen Umgebung, dass man die eitrigen Wunden der Leprakranken förmlich riechen kann. Dabei schafft es die Lektüre stets glaubhaft und realistisch zu bleiben, selbst in den surrealistischen Momenten, in denen die bekannten Naturgesetze ausgehebelt werden, wenn Tote wieder auferstehen und die Dämonen der alten Religionen aus den Schatten treten und in Fleisch und Blut über die Erde wandeln, um Tod und Verderben über die Menschheit zu bringen.

Luczak durchlebt diesen Alptraum stellvertretend für den Leser, doch man leidet mit ihm, wenn seine naive Vorstellung einer gerechten und unschuldigen Welt gnadenlos vernichtet wird und der schrecklichen Vision einer sterbenden Welt weicht, in der das Lied der Kali niemals verstummt. Vernichtend informativ und trocken wird Luczaks Niedergang beschrieben, mit jener eiskalten Eleganz und Rethorik, die SIMMONS´ Werke stets ausmachen. Und nicht nur die Idee und der Aufbau der Geschichte sind verantwortlich für deren nachhaltige Wirkung auf den Leser, sondern vor allem die Eskalation der Geschehnisse, die mit der chirurgischen Präzision und Kaltblütigkeit eines Skalpells konsequent auf ein Ende zusteuern, das sich unmöglich für die breite Masse verfilmen lässt.

Fazit: GÖTTIN DES TODES ist anspruchsvoller Horror für hartgesottene Leser, die dem Mainstream entfliehen wollen und neue, literarische Herausforderungen nicht scheuen. Nicht umsonst urteilte STEPHEN KING über DAN SIMMONS:
“Simmons schreibt wie ein Gott. Ich kann gar nicht sagen, wie sehr ich ihn beneide.”

[xrr rating=10/10]

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Geschrieben von Autor | Reviews (Literatur)

1 Kommentar

  1. Alex1979
    01 Feb 2011, 3:53 am

    Das Buch ist so der Hammer! Der Protagonist geht durch die Hölle und verliert alles, was es zu bewahren lohnt, selbst seine Seele. “Vor Kalkutta nahm ich an Protestmärschen gegen Kernwaffen teil Heute träume ich von Atompilzen …”
    Wenn man das Buch durch hat, geht es einem fast genauso.

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